Instantnudeln und Toilettensysteme

04.04.2015 – 05.04.2015 – Yannic Brodersen

Exakt 37:22h dauerte unsere abschließende Zugfahrt von Astana nach Samara. Eigentlich sollte man meinen, in dieser Zeit passiert nicht viel, aber ein paar Dinge gab es dennoch.

Morgens zwischen 09:30 und 09:40 sollten wir von den Leuten der Eisenbahn am Hostel abgeholt werden. Als um 09:45 immer noch kein Fahrzeug zu sehen war, kamen uns schon langsam Zweifel, da der Zug um 10:38 abfahren sollte. Schließlich erreichte uns eine SMS, die die Ankunft des Fahrers ankündigte und wenig später kam dann auch der Minibus, der uns zum Bahnhof brachte.

Die Abwicklung am Bahnhof war schnell und unkompliziert, da der Zug Karagand-Moskau schon am Bahnsteig bereitstand. Unser Wagen wurde von einem Schaffner höheren Alters betreut, den wir kurzerhand “Opi” tauften (Zitat: “Der ist bestimmt schon mit dem Zug verwachsen.”). Der Wagen war zu etwa zwei Dritteln gefüllt, wobei die meisten Fahrgäste nur bis Petropavlovsk fuhren, d.h. nicht über die Grenze nach Russland. Wir richteten uns ein und befanden, dass dieser kasachische Zug doch ein wenig bequemer war als unser erster russischer Zug von Irkutsk nach Chita. Danach wurde der Fahrplan studiert und entsprechend die orte herausgesucht, an denen der Zug länger halten würde und man somit kurz aussteigen konnte. Diese Halte waren für uns auch dringend nötig, hielt es doch “Opi” für eine gute Idee, den Wagen gefühlt in eine russische Banja zu verwandeln. Unter 28°C ging nichts und offene Türen wurden konsequent wieder zugezogen. Es ist in der Regel kein Problem, sich die Füße auf dem Bahnsteig zu vertreten. Die Schaffner kennen ihre Fahrgäste und scheuchen einen immer rechtzeitig wieder rein.

Es folgten einige Diskussionen bezüglich der Zeitzonen. In Kasachstan fuhr der Zug nach Astana-Zeit, aber in Russland wechselte der Fahrplan auf Moskau-Zeit. Die lokale Zeit in Russland unterschied sich aber nochmals und auch Samara scheint 1h vor Moskau zu liegen. Zu verwirrend, fanden einige und lebten einfach nach der Deutschland-Zeit, was wiederum zu unterschiedlichen Essenszeiten führte.

Um 19:05 kasachischer Zeit kamen wir in Petropavlovsk an. Hier war ein 60-minütiger Aufenthalt eingeplant, an dem wir allerdings nicht aussteigen durften. Der Grund zeigte sich in Form kasachischer Grenzbeamter, die hier am Bahnhof die Ausreisekontrolle durchführten. Er war ein wenig überrascht über unseren Einreisestempel aus Khorgos, verstand aber nach Vivians eindrucksvoller gestikularer Darstellung eines Busses schnell, dass er es hier mit einem Haufen verrückter Deutsche zu tun hatte und stempelte schnell unsere Pässe ab.

Eine Stunde später waren wir auf russischem Territorium und hielten wieder an einem Bahnhof, diesmal für die Einreisekontrolle nach Russland. Schnell merkten wir, dass die russischen Beamten nicht ganz so gut gelaunt, wie die kasachischen waren, aber immerhin hatten sie einen netten deutschen Schäferhund dabei, der als Spürhund diente und sich vor unser Abteil legte (war das jetzt gut oder schlecht…?). Auch die russischen Beamten konnten zunächst mit unseren Stempeln nichts anfangen und wunderten sich, wie wir von Zabaikalsk nach Astana gekommen waren. Immer mehr Beamte kamen vorbei, um einen Blick auf unsere Pässe zu werfen. Wegen mangelnder Sprachkenntnisse gaben sie es aber irgendwann auf und fingen an zu stempeln. Nur Tobias Passfoto mit langen Haaren irritierte sie weiterhin so sehr, dass sie sogar einen Englisch sprechenden Kollegen heranholten, der das Passfoto nochmal genauestens mit dem Original verglich. Im Nachhinein rieten wir Tobias, sich einen neuen Pass zuzulegen. Wir waren also wieder in Russland und fuhren durch die Nacht Samara entgegen.

Den nächsten Tag verbrachten wir bis zur abendlichen Ankunft in Samara komplett im Zug. Opi schien mittlerweile erkannt zu haben, dass ein wenig frische Luft auch nicht schadet, dennoch waren wir über den 49-minütigen Aufenthalt in Ufa froh. Am Bahnhofskiosk erstanden wir Eis und Gebäck und machten ein kleines Frühstück auf dem Bahnsteig. Ansonsten essen wir im Zug mittlerweile routiniert unsere Instantnudeln mit heißem Wasser aus dem Samowar (gibt es sowas in deutschen Nachtzügen eigentlich auch?). Die restliche Zeit verbrachten wir mit Fazits der Reise und hochrangigen Kartenspielen sowie Schach. Außer uns war im mittlerweile nur noch zu einem Drittel gefüllten Wagen niemandem wirklich nach Spielen zumute. Hauptsächlich fuhren hier ältere Leute, die in der Regel ihre Ruhe haben wollten. Der Blog wollte natürlich auch noch weitergeschrieben werden. Hat man tatsächlich nichts zu tun, legt man sich zum Dösen hin oder versucht, aus dem verschmierten Fenster die Landschaft draußen zu beobachten. Die Toilettengänge sollte man sorgfältig planen, da es auch hier kein geschlossenes Toilettensystem gibt und die Toiletten daher einige Kilometer vor jedem Bahnhof abgeschlossen und erst nach dem Halt wieder aufgemacht werden. Insbesondere bei längeren Aufenthalten am Bahnhof kann das ggf. zu Problemen führen. Alles in allem genossen wir aber unsere ruhige letzte Zugfahrt der Reise und freuten uns auf das abschließende Programm an der SamGUPS in Samara.

Yannic Brodersen

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